α» RoMa edit** « wiki αt10xxxxx

Die ewige Stadt. Rom. Man hatte das Gefühl, in einer dreidimensionalen Realität gefangen zu sein. Oder es war vielmehr die Ahnung das Tor zur Zeitlosigkeit zu durchschreiten. Endlos pulsierende Stimmungen lagen zwischen den Hügeln. Die Gedanken begaben sich in einen energetisierten Zustand, der entropische Züge trug. Irgend etwas berührte den Körper innerlich, brachte eine Saite zum Schwingen. Etwas uraltes, ursprüngliches hinterlies einen Schauer, sodass eine Gänsehaut der inneren Spannung Rechnung tragen musste. Besonders die frühen Morgenstunden, die nicht vom Gestöber und Gemurmel der modernen Zivilisation, des sich ständig Wandelnden erfüllt waren, ließen dem dauerhaft Unveränderlichen Raum. An keinem anderen Ort, weder in Gedanken, noch in der Welt außerhalb war die Gegenwart des menschlichen Geistes auf diese überwältigende Art präsent. Er schien hier während und über die Jahrhunderte in seiner Stetigkeit konserviert worden zu sein. Es mochte dies eine Art Beweis, der Unsterblichkeit sein, auf jeden Fall aber war es eine Manifestation menschlicher Gedanken und menschlicher Handlung, die, wenn man sie einmal erspüren durfte, an jedem beliebigen Ort wieder auflodern konnte. Als hätte man eine Pforte bislang unbekannter WahrNehmung geöffnet, die sich nun nicht mehr schließen ließ. Hier hatte menschlicher Triumph, in Form von Macht und Herrlichkeit, genauso wie menschliches Elend geboren aus Tod, Krankheit und Unterdrückung die Dimension der Zeit ersetzt.. Die Farben der Antike leuchteten hier so hell, wie die Lichter der vielbefahrenen Strassen der Gegenwart. In dieser geistig berauschenden Atmosphäre sah einer, vor einer kleinen zerfallenen Hütte, eine Linde stehen. Ein mächtiger Baum, dessen Krone weit verzweigt in den Himmel ragte. Er verströmte, wie es die Jahreszeit von ihm verlangte, den süßlich-wabernden Duft seiner Blüten. Die Macht seines Stammes und WahrSchein'lich auch die Herzform seiner Blätter hatten einige Liebespaare dazu bewogen, ihre ewigen Treueschwüre, die in dieser Umgebung sowieso ungeahnte Ausmaße anzunehmen drohten, in den Schutzschild des Riesen zu ritzen. Sein klebriger Saft tropfte noch von den jüngsten Eintragungen, während dicke Vernarbungen den Schriftzügen älterer Vergehen Dauerhaftigkeit verlieh. Angesichts des großen Schattens den das Blätterdach warf und des noch weiter reichenden Wurzelwerkes, das noch viele Meter im Umkreis manchmal aus der Tiefe an die Erdoberfläche drang, wanderten die Gedanken von humaner Unsterblichkeit hin, zu der dem nahe kommenden, Langlebigkeit der Bäume. Wie lange schon hatte dieser hier das geistige Treiben um ihn herum mitverfolget? 300 Jahre? Vielleicht aber auch 1000. War er, wie viele seiner steinalten Brüder schon Zeuge der mittelalterlichen Inquisition geworden? Hatte er den Durst der Menschen nach Feuer und Geborgenheit nur deswegen heil überstanden, weil seine Äste dem Werk des Henkers gute Dienste geleistet hatten? Doch abseits dieser menschlich-melancholischen Ideen über seine Existenz schien die Linde ein anderes Problem beschäftigt zu haben. Wie man an der heutigen Erscheinungsform erkennen konnte, war der Samen ihrer Entstehung anscheinend in die unmittelbare Nachbarschaft eines größeren Felsbrockens gefallen. Man konnte sich vorstellen, wie ihr dieser in ihren jungen Jahren noch Schutz vor der sengenden Mittagshitze geboten hatte. Viele ihrer Geschwister mussten um sie herum verdorrt sein. Oder sie wurden von heftigen Winden entwurzelt. Alles Schicksale, die ihr dank ihres günstigen Standortes erspart geblieben waren. Doch mit dem, immer mehr Raum fordernden, Wachstum wurde der ehemalige Beschützer zum Hindernis. Bald bekam der Baum den undurchdringlichen Widerstand des anderen zu spüren. Dennoch konnte er nicht aufhören zu Wachsen und immer neue Jahresringe zu bilden. Sein Stamm wurde immer mächtiger. Und das musste er auch. Er musste die kleinen Blätter in den Spitzen mit Nahrung versorgen. Musste den Stürmen trotzen, durch seine nachgiebige Unnachgiebigkeit. Nun hatte er sich auf einmal einer neuen Herausforderung zu stellen. Neben all diesen Aufgaben, die er zu erfüllen hatte, jeden Tag, musste er nun auch noch weich werden. Es gab keine andere Lösung für das Fels-Problem. Er musste den Stein in sich aufnehmen ohne morsch zu werden. Ohne den immer wieder kehrenden Angreifern, den Borkenkäfern und den anderen Insekten, zu viel Raum zu bieten. Blutend musste er sich der Härte des Steines beugen und ihm in sein Innerstes Einlass gewähren. Zu diesem Zeitpunkt der Betrachtung hatte er ihn fast ganz umschlossen. Was mit unsäglichem Schmerz begonnen hatte ergab bald das Bild einer Einheit in innigster Umarmung. Als hätten Beschützer und Schutzbefohlener im Fluss der Zeit die Rollen vertauscht. Im Grunde aber war es vielleicht ein harter und sehr langwieriger Kampf um Raum gewesen, der für den Baum existenzbedrohende Ausmaße angenommen hatte. Und der Mensch, wenn er dieses Bild überhaupt seiner Aufmerksamkeit für würdig befand erkannte darin nur ein nettes Motiv für seine Urlaubsfotos. Ebenso ungerührt, wie der Baum seinerseits vielen Leidenden beim Sterben beigewohnt hatte. Dennoch wäre es unfair die beiden Seiten für ihre Ignoranz zu verurteilen. Keine der Welten war in der jeweils anderen präsent. Die humane in jener der Pflanze sogar nur, wenn sie zur Bedrohung wurde. Erst wenn das Messer seine Rinde ritzte, dann erschien der Mensch im Baumuniversum. Eigentlich erschien nicht der Mensch dort, sondern das Messer und auch nur seine wahre Form, der Schnitt. Vielleicht waren die Liebespaare so dem Baum näher als alle Philosophen, die schon unter ihm Platz genommen hatten. Vielleicht war es die einzige Art, wie man sich Präsenz bei der Linde verschaffen konnte. Wie der Stein, ein Problem zu werden, mit dem sie sich befassen musste. Der sich in ihr Innerstes aufgedrängte. Es schien unter diesem Aspekt besser, die Welt des Andersartigen in Frieden zu lassen. Was blieb war unverstandene Akzeptanz und Bewunderung. Trotz dieses Eindrucks, oder vielleicht auch gerade deswegen quälte die Frage nach der Mannigfaltigkeit der Universen. Es quälte auch manchen die Frage, ob es denn etwas Gemeinsames geben konnte. Etwas, das diese Welten miteinender verband. Etwas Höheres, das eine Brücke schlug, eine letzte, unveränderliche Gemeinsamkeit. Gab es eine Ursuppe der Harmonie, der alle Dinge im Universum angehörten? Etwas, das um jedes Lebewesen herum war und in das es eintauchen konnte mit dem Kern des Seins, wenn es erst die Erscheinungsform des Irdischen abgelegt hatte. Führte dieser tröstlich-geborgene Gedanke, so spekulativ er war, in seiner letzten Erkenntnis dann zu Gott? Oder war diese Frage unerheblich und bloße Zeichen des Unverstandes und der Sehnsucht? Vielleicht war ja nicht einmal mehr die Frage nach Fiktion oder Realität relevant. Aus der Distanz eines sehr weiten Blickwinkels heraus, und ohne etwas zu wollen war auch sie eher bedeutungslos. Genauso unbedeutend wie die Linde selbst und der Philosoph darunter. Was vielleicht einzig blieb, war die Gänsehaut, als ursprünglicher Impuls der inneren Spannungen, oder das Harz, das aus der Linde tropfte als Affekt des Überlebens. Auch wenn dann der Trost und die Geborgenheit in weite Ferne entrückten.